Mexican Elvis

Mexican Elvis: “John Frum Alaska”, VÖ: 23.07.2010 (Kyr Records/Broken Silence)

Es dauert manchmal ein bisschen, bis die Dinge in Fahrt kommen. Beziehungsweise: Eigentlich dauert es, bis aus der Fahrt, in der die Dinge eigentlich relativ schnell sind, so etwas wie eine richtige Reise wird. Mexican Elvis gibt es bereits seit über fünf Jahren. Die ersten ein, zwei Jahre sah man sie in den üblichen Clubs der bayrischen Landeshauptstadt spielen. Man schätzte sie, was sicher auch daran lag, dass jeder diese Typen mochte: Pete, den sehr münchnerischen Briten mit der sehnsuchtsvollen Stimme. Maxi und Laury, das Geschwisterpaar aus dem bayrischen Oberland an Bass und Klavier / Gitarre. Und Christoph, den Schlagzeuger, der als Einziger Verbindung in eine so genannte Szene hatte und hat: Er spielt nicht nur bei Mexican Elvis, sondern auch bei den Weilheimer Um-die-Ecke-Denkern Lali Puna und bei Martin Gretschmanns Elektro-Projekt Console. Was in der Folgezeit passierte, war vielleicht so etwas wie der Nährstoff, auf dem schließlich vorliegende Platte erwuchs: Die Band fand eine eigene musikalische Sprache und damit mehr und mehr Unterstützung. Nicht nur in München, wo sie Konzerte für Bands wie Port O’Brian oder The Good Life eröffnete, sondern auch im Rest der Republik. Mexican Elvis tourten ausgiebig – mit Mark Eitzels American Music Club, aber auch mit Kettcar und Sir Simon Battle. Es erschien eine Single, später eine EP (Notiz am Rande: Für das Coverartwork zeichnete Stefanie Schrank von den wunderbaren Locas In Love verantwortlich). Und irgendwann stand die Frage nach einem Album im Raum.

Mexican Elvis entschieden sich für den schwierigen Weg. Anstatt die bisherigen Lieder noch einmal etwas aufzuhübschen, wählten sie den Neuanfang. Nicht nur musikalisch, sondern auch in Sachen Hingabe. Das Wort mag etwas altmodisch klingen, erklärt aber am Besten, worum es Maxi, Pete, Christoph und Laury ging: Sie kündigten Jobs oder fuhren sie extrem herunter. Sie pendelten zwischen München und Berlin, wo sie gemeinsam mit Simon Frontzek aufnahmen und produzierten. Sie luden Freunde ein – etwa den Cellisten und Kontrabassisten Volker Zander von Calexico oder Nico Sierig (Missent To Denmark), der Geige spielte und für das Drumrecording verantwortlich zeichnete. Pjotr Fijalkowski, der in den 90er-Jahren bei den semi-legendären Adorable («Homeboy») sang, wurde nach Berlin eingeladen, wo er nicht nur wunderbare Vocals für «Drop Hawaii» einsang, sondern auch zwei Abende lang schöne Anekdoten aus dem Leben eines Beinahe-Rockstars erzählte. Am Ende wurden die Songs zum Mastern nach Omaha geschickt – zu Doug Van Sloun, der in der Vergangenheit mit Künstlern wie The Good Life oder Bright Eyes zusammenarbeitete.

Für die, die musikalischen Koordinaten vertrauen, ist das ein ganz guter Anhaltspunkt. Tatsächlich lässt sich eine gewisse Verwandtschaft zwischen Mexican Elvis und den Bands aus dem Saddle-Creek-Umfeld ausmachen. Gemein ist ihnen die Eigenschaft, einen Popsong nicht nur bis zur großen Geste hin aufzubauen, sondern immer auch wieder ein Stück weit einzureißen, Wendungen und Bruchstellen nicht nur zu erlauben, sondern sogar anzustreben. Bei Mexican Elvis kommt aber noch eine Menge Anderes hinzu. Folk Noir im Sinne von I Am Kloot oder den Turin Brakes, dezente Electronica, schwelgerischer Dreampop der Sigur-Ros-Schule, einmal sogar Calypso. Dazu kommen Gesangsharmonien, die vom Wechselspiel der Stimmen, vom Wechselspiel der Geschlechter leben und ungemein präzise inszeniert wurden, nachzuhören etwa in «Friends», sicher auch einer der zentralen Songs der Platte, was das Inhaltliche angeht. Mexican Elvis beschäftigen sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen – natürlich mit denen zwischen Liebespaaren, aber eben auch mit Freundschaften, die schließlich so wichtig für diese Platte waren. Dabei sind sie feine Beobachter, die fähig sind, Notizen zu machen, Situaitionen zu beschreiben, sie aber eben auch zu hinterfragen. Mal entsteht so eine sehr direkt zu lesende Geschichte («He Spent Three Years Trying To Enter The Eurovision Song Contest»), mal ein Text, der aus wenigen Schlagworten besteht («Just Say You’re Wrong»), mal etwas sehr Codiertes, in das man seine eigenen Vermutungen projizieren kann («Gore Tex Jacket»).

Bleibt die Frage nach dem Albumtitel. «John Frum Alaska». Kein Rechtschreibefehler, es gab vielleicht wirklich mal einen John Frum, auch wenn dessen Name vermutlich ganz anders lautete. Er war wohl amerikanischer Soldat und Anbetungsobjekt einer Unterart des sogenannten «Cargo Cults», dem Menschen vor allem im pazifischen Raum im vergangenen Jahrhundert nachhingen und der seinen Höhepunkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfuhr. Und er stellte sich wohl irgendwann einmal als “John From Alaska”, oder “John From America” oder aus sonstwo vor. Das verselbständigte sich irgendwann zu “John Frum”. Der «John Frum Bewegung» gehören auf der Pazifikinsel Tanna heute noch 20 Prozent der Bevölkerung an, die Dogmen sind eigentlich ganz sympathisch: «Behaltet eure Bräuche. Hört nicht auf christliche Missionare und lebt von euren Gärten und Tieren.»

Vor allem aber ist die John Frum Bewegung ein Paradebeispiel für die Entstehung einer Religion im Zeitraffer. Ein Thema, das die vier ebenfalls während der Zeit der Albumentstehung umgetrieben hat.

Was Alaska damit zu tun hat: Nun, einmal liegt es auch am Pazifik. Vor allem aber kommt es in oben erwähntem «Drop Hawaii» vor. Außerdem ist es ein guter Hinweisgeber auf ein weiteres Vorliebengebiet der Band: Man hat als Hörer den Eindruck, dass Mexican Elvis eine geografische Verortung ihrer Songs schätzen. Neben Alaska und Hawaii finden sich auf dem Album Querverweise nach Washington DC., Kroatien und Luxemburg, aber auch zur Bavaria Filmstadt. Klar, keine echte Stadt. Aber eine, die mit ein bisschen Kulissenschieberei zu jedem Flecken dieser Welt werden kann, wenn man nur seiner Fantasie gehorcht. Eskapismus also, bekanntlich auch einer der wichtigsten Motoren der Popmusik.

Jochen Overbeck (Berlin, 2010)

Mexican Elvis sind:

Christoph Brandner (Schlagzeug)
Peter Hall (Gesang, Gitarre)
Maximiliane Reichart (Bass, Gesang)
Laury Reichart (Klavier, Gitarre, Gesang)

Mexican Elvis are a band from Bavaria/Switzerland/London and they make the best music that they possibly can. Laury and Maxi are brother and sister, Christoph and Peter are not (however they have thought about it). Laury and Peter met in a club in Munich because of Laury’s hair. They have played many concerts across Germany and Switzerland, and have supported acts including Kettcar, American Music Club, The Good Life, The Frames and Sir Simon Battle. They have released a Blue Vinyl 7″ and an EP/CD “There could be fireworks or something”. Their first album will be called “John Frum Alaska” and has been released on the 23rd of July 2010 on Kyr Records, distributed by Broken Silence.

www.mexicanelvis.de

www.myspace.com/mexicanelvis

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2 Responses to “Mexican Elvis”

  1. ConcertBlog Hamburg » Blog Archiv » Tickets für das Wunder von Omaha Says:

    [...] des Mannseins und den Freuden des Neuanfangs, melancholisch und dann wieder herrlich sarkastisch. Mexican Elvis wärmen den Saal mit britisch/deutscher Besetzung und ebenfalls saddlecreekartiger Manier (gerne [...]

  2. Tickets für das Wunder von Omaha - 3497 - Hamburg-in-Hamburg.de Says:

    [...] des Mannseins und den Freuden des Neuanfangs, melancholisch und dann wieder herrlich sarkastisch. Mexican Elvis wärmen den Saal mit britisch/deutscher Besetzung und ebenfalls saddlecreekartiger Manier (gerne [...]

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